Insolvenzen im Bau trotz Boom

Warum es trotz Boom in der Baubranche eine Pleitewelle gibt?

Die Auftragsbücher sind voll. Doch der Rohstoffmangel und Corona machen es dem Baugewerbe schwer. Die Zahl der Insolvenzen stieg zuletzt auf ein Hoch, wie seit 20 Jahren nicht mehr. Ein Grund zur Sorge?

Deutschland baut so viel, wie nie zuvor. Wegen der hohen Nachfrage und voller Auftragsbücher rechnen der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie und der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes in diesem Jahr mit einem Anstieg des Gesamtumsatzes von nominal 5,5 Prozent auf 151 Milliarden Euro. Preisbereinigt ist das ein Plus von 1,5 Prozent.

Doch neben der Auftragslage stieg zuletzt auch die Zahl der Insolvenzen im Baugewerbe. Im November 2021, der zuletzt veröffentlichten Zahl des Bundesamtes für Statistik, stiegen die Insolvenzen im Baugewerbe um mehr als 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, was den stärksten Anstieg in den letzten 20 Jahren darstellt. Die meisten Insolvenzen gab es im Oktober 2021 im Baugewerbe mit 193 Fällen. Im Oktober 2020 waren es 170 Insolvenzen.

Wieso gibt es ausgerechnet jetzt eine Pleitewelle im Baugewerbe? Sind die Insolvenzen Anlass zur Sorge? Und was sollten Bauherren jetzt beachten?

Höhere Preise belasten viele kleinere Firmen

Der wohl wichtigste Grund für die zunehmenden Unternehmensinsolvenzen in der Branche sind die Lieferengpässe. Sie belasteten viele Unternehmen direkt: Obwohl sie sich vor Aufträgen kaum retten konnten, mussten zahlreiche Firmen Kurzarbeit anmelden, weil es an den nötigen Materialien mangelte und sie ihre Mitarbeiter somit nicht beschäftigen konnten.

Mittelbar führten die Lieferengpässe zu einem sprunghaften Anstieg der Preise. Erzeugerpreise für einzelne Baustoffe wie Holz und Stahl stiegen im Jahresdurchschnitt 2021 so stark wie noch nie seit Beginn der Erhebung im Jahr 1949. Bauholz verteuerte sich beispielsweise um 61,4 Prozent, Konstruktionsvollholz sogar um 77,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresdurchschnitt, die Einkaufspreise von Betonstahl stiegen um mehr als 50 Prozent. „Da einige der Bauunternehmen die Verträge mit ihren Kunden zuvor zu wesentlich niedrigeren Preisen abgeschlossen hatten, brachen die Gewinne ein“, sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland der UniCredit Bank in Frankfurt am Main. Die traditionell niedrigen Eigenkapitalquoten im Baugewerbe verstärkten den Druck für viele Bauunternehmen. Im Branchendurchschnitt liegt die Eigenkapitalquote bei weniger als 20 Prozent, deutlich unter dem Durchschnitt anderer Branchen von 30 Prozent. „Das gilt insbesondere für kleinere Unternehmen des Baunebengewerbes, die in den Boomjahren verstärkt gegründet wurden“, sagt Rees.

Besserung ist nicht in Sicht

Wie geht es nun weiter? Vor dem Ukrainekrieg gingen die Engpässe etwas zurück – blieben aber auf hohem Niveau: Laut Umfrage des ifo-Instituts meldeten im Dezember 31 Prozent der Unternehmen im Hochbau Lieferschwierigkeiten, im Januar waren es noch 25 Prozent. Im Tiefbau mussten 20 Prozent der Befragten mit deutlichen Engpässe arbeiten. Fraglich bleibt, ob die Situation sich mit dem Krieg nun wieder drastisch verschärft.

Beim Zentralverband Deutsches Baugewerbe hält man die Entwicklung der Materialkosten auch unabhängig davon weiter für besorgniserregend. „Die Preisentwicklung ist ein sehr ernstes Thema“, sagt Andreas Geyer, Leiter der Abteilung Wirtschaft des Verbandes. Die Einkaufspreise für Bauunternehmen steigen derzeit rasant. Im Januar 2021 meldete das Statistische Bundesamt noch einen Preisanstieg von 1,9 Prozent für Bauleistungen, im Juni 2021 waren es schon 6,1 Prozent und im November 2021 11,8 Prozent. „Wenn sich die Preise so weiterentwickeln, haben die Bauunternehmen zunehmend den Druck, die Preise weiterzugeben“, sagt Geyer.

Baufirmen fordern nachträglich Kosten ein

Bereits jetzt würden einige Bauunternehmen versuchen nachträglich Geld einzufordern, beobachtet Florian Becker, Geschäftsführer des Vereins Bauherren-Schutzbund. „Auch wenn das die Verträge nicht hergeben, versuchen das eine ganze Reihe an Firmen.“ Im Schnitt würden die Nachzahlungsforderungen zwischen 3000 und 6000 Euro liegen.

Für Bauherren ist eine Insolvenz eines Bauunternehmens häufig eine Katastrophe. Becker empfiehlt daher, eine Wirtschaftsauskunft über das beschäftigte Unternehmen einzuholen. Zudem sollten sie finanziell nicht in Vorleistung gehen, sondern erst zahlen, wenn die Leistung erbracht wird. „Der Rohbau wird bezahlt, wenn der Rohbau fertig ist.“ Zumal eine weitere Kostenfalle droht: „Neben den Preissteigerungen haben wir derzeit einen akuten Fachkräftemangel. Dadurch kommt es vielfach zu Bauzeitverzögerungen“, sagt Becker. Ein Verzug von sechs bis zwölf Monaten sei bereits Normalität. Wenn die vereinbarte Bauzeit hinfällig wird, fällt für Bauherren ein gewaltiger Schadensersatzanspruch an. Doch dazu kommt es nicht, wenn das Unternehmen vorher Insolvenz anmeldet. Bauherren würden dann nur zwischen vier und sechs Prozent ihrer Kosten erstattet bekommen. Und anschließend folge oft ein weiteres Problem: Baufirmen steigen ungern in unfertige Bauprojekte ein.

Zahl aller Unternehmensinsolvenzen geht zurück

Sind die steigenden Zahlen der Insolvenzen am Bau nun Grund zur Sorge? Beim Zentralverband Deutsches Baugewerbe verneint man. „Wir sind am Bau in keiner Krise“, sagt Andreas Geyer. Grund des Anstiegs sei unter anderem die zeitweilige Aussetzung der Insolvenzanzeigepflicht durch Corona. Die Branche habe dramatischere Zeiten erlebt. Anfang der 2000er-Jahre mussten teils 5000 Bauunternehmen jährlich Insolvenz anmelden. 2020 und 2021 gingen jeweils rund 1000 Bauunternehmen insolvent. Vollständige Entwarnung gibt aber auch der Verband nicht: „Wir nehmen die aktuellen Zahlen aber ernst und haben sie weiterhin im Blick.“

Zumal sich außerhalb des Baugewerbes die Insolvenzlage derzeit entspannt: Obwohl die Sonderregelungen zur Insolvenz während Corona seit Mai 2021 schrittweise abgeschafft wurden, ging die Zahl der gesamten Unternehmensinsolvenzen zurück. Die Lage sei besser, als zu Beginn der Pandemie befürchtet, sagt UniCredit-Chefsvolkswirt Rees. „Der Tsunami von Unternehmensinsolvenzen, der von einigen Menschen nach dem Ausbruch von COVID-19 vorausgesagt worden war, ist nicht eingetreten.“

Im November 2021 stellten laut dem Statistischen Bundesamt insgesamt 1094 Firmen einen Insolvenzantrag in Deutschland. Das waren zwar 4,6 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, im Vergleich zu vorpandemischen Zeiten ist dieser Wert aber noch gering. Er lag 22,6 Prozent unter den gemeldeten Insolvenzen im November 2019.

Im Baugewerbe dürften die Zahlen noch eine Weile hoch bleiben, prognostiziert Rees. Allein wegen der noch bis vor wenigen Monaten andauernden Engpässe und der damit verbundenen Probleme bei den Unternehmen. Da die Zahl der von den Amtsgerichten bearbeiteten Insolvenzen ein klassischer Spätindikator ist, könne es noch einige Zeit dauern, bis die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Baugewerbe zurückgehe.

(vgl. URL: https://www.manager-magazin.de/unternehmen/insolvenzen-im-baugewerbe-warum-es-trotz-boom-in-der-baubranche-eine-pleitewelle-gibt-a-ceb445fb-5c46-4209-9a38-e1730b7cf300?xing_share=news, Stand: 08.03.2022)